Gabriele Hießberger

63 Jahre, Linz (Österreich); Ärztin in Pension; zuletzt Lebensberatung in Reha-Klinik für Herz/Kreislauf (bis 2018); Rollstuhlfahrerin (MS) seit einigen Jahren; im betreuten Wohnen (seit 2018); Apostolatsfeld: näheres Umfeld, Gruppenführerin, Ausbildung in Trauerbegleitung. Seit 1996 Mitglied des Schönstatt Frauenbundes.

 

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau geprägt?

In meinem Berufsleben als Ärztin war es anfänglich ganz klar, dass ich mich fachlich um einiges mehr engagieren musste, um als gleichberechtigt wahrgenommen zu werden. Intuition und richtiges Greifen von Situationen oder Gegebenheiten brauchten einige Zeit und Kraft, um z. B. als gleichwertige oder sogar bessere Alternative oder gute Ergänzung wertgeschätzt zu werden.

In der Zwischenzeit weiß ich, wo meine Stärken als Frau liegen. Ich muss sie nicht mehr verteidigen.

Wo in Ihrem Leben haben Sie Gott erfahren?

Als junger Mensch hatte ich trotz aller Möglichkeiten, die mir offenstanden, eine existenzielle Krise und wusste nicht, wo das Boot meines Lebens vor Anker gehen sollte. Durch die Begegnung mit Schönstatt, dem ich anfangs sehr kritisch gegenüberstand, lernte ich mich selbst zunehmend kennen und als geliebtes Kind des Vaters in meinem Sosein verstehen. 

Trotz einiger Schicksalsschläge konnte ich die Hand des Vaters, der mich führt und immer begleitet, spüren. Auch wenn ich im Rollstuhl bin, kann ich ein glücklicher und freier Mensch sein, weil ich mich geborgen weiß. Ich kann diese Erfahrung sogar an andere weitergeben…

Was sehen Sie als DIE Herausforderung für Frauen heute?

Frauen scheinen heute – zumindest in unserer westlichen Welt – immer vehementer und in größerer Zahl für ihre Gleichberechtigung/Gleichwertigkeit mit dem anderen Geschlecht auf- und einzustehen.

Dabei wird zugegebenermaßen manchmal übers Ziel hinausgeschossen, vor allem, wenn man es den Männern gleich machen möchte und nicht die eigenen Begabungen und Fähigkeiten, die einen als Frau ausmachen, in den Vordergrund stellt. Wenn man sich nicht auf die eigene Stärke besinnt und sie kultiviert, sich ständig vergleicht und auf die spezifischen Stärken des Mannes schielt und sich dadurch im Selbstbildnis nur schwächt.

Wir Frauen haben eine eigene Art der Welt zu begegnen, und die ist für alle gleich fruchtbar und gewinnbringend wie die der Männer. Wir ergänzen einander gut. Wir müssen sie nicht kopieren.

Was möchten Sie durch Ihr Leben in der Welt verändern?

Ein Vorzug der Frau ist ihr Einfühlungsvermögen in den anderen, in eine Situation. 

Ich persönlich möchte mit einem wohlwollenden, freundlichen und wertschätzenden Blick auf den einzelnen Menschen schauen, der mir begegnet, und ihn dadurch dort abholen, wo er gerade steht – auch wenn es ihm gerade nicht gut geht.

Dabei möchte ich echt und authentisch sein, damit sich mein Gegenüber, wenn es dies braucht, öffnen kann – wenn es will. In aller Freiheit und Ehrfurcht!

So glaube ich – im gegenseitigen tieferen Verständnis und Dialog – gemeinsam neue Wege und Perspektiven erschließen zu können, die zu innerer Heilung beitragen. Nicht umsonst bin ich Ärztin geworden, und im Laufe des Lebens ist mir der Wert der inneren Heilung immer bewusster geworden, besonders in der Verbindung mit Gott, der jeden einzelnen von uns in Liebe annimmt. In der Begegnung mit Schönstatt und auch zunehmend bedingt durch meine Krankheit (MS) habe ich die ganzheitliche Betreuung des kranken Menschen immer mehr schätzen gelernt. Ich machte eine zusätzliche Ausbildung in psychologischer Lebensberatung, die ich auch immer mehr einsetzen konnte. Das hat mir viel Freude gemacht.

Heimat und Geborgenheit schenken im Kleinen, indem ich eine Trägerin der Liebe Gottes bin und wie ich es aus eigener Erfahrung weiß – das ist meine Sehnsucht.

Ich glaube, das kann mein Beitrag sein, um die Welt in Richtung Gesundung zu verändern – trotz all meiner persönlichen Fehler und Schwächen.